SWE Energie-Chef Karel Schweng und Erfurts OB Andreas Bausewein vor der Gas- und Dampfturbinenanlage des kommunalen Unternehmens.

Schönreden oder Wegducken hilft nicht mehr.

Geschäftsführer Karel Schweng zur Energiekrise

„Wir haben eine ausgewachsene Energiekrise, die es so noch nie gegeben hat“, sagt Karel Schweng, Chef der SWE Energie GmbH. Die Krise wird früher oder später jeder zu spüren bekommen – egal ob Privathaushalt, Unternehmen, Handel oder Handwerk. „Niemand weiß, wie sich das Ganze entwickeln wird, aber ich befürchte, dass viele Betroffene staatliche Hilfen brauchen werden, um über die Runden zu kommen.“

Alles nahm seinen Anfang  Mitte 2021, als die weltweite Wirtschaft nach Corona zu wachsen begann und die Nachfrage nach Energie anstieg. Schweng erklärt: „Energie wurde deutlich teurer. Außerdem war 2021 ein windarmes Jahr, England musste viel Gas auf den Märkten zukaufen.“ Die Preise stiegen weiter. „Politische Störungen wie der Kohlestreit zwischen China und Australien und der Ausfall von Lieferketten als Langezeitfolge von Corona taten ihr Übriges.“ Mit dem Ukraine-Krieg schossen die Energie-Preise schließlich durch die Decke.

„Man mag gar nicht mehr hinschauen“, sagt Karel Schweng beim Blick auf die Börsennotierungen. Anfang September lag der Preis für eine Kilowattstunde Strom an der Börse bei bis zu 100 Cent – 7 bis 10 Cent waren es vor einem Jahr, 5 vor zwei Jahren. Beim Gas schossen die Preise genauso nach oben. „Das ist zurzeit einfach nur noch ein Albtraum.“

Hintergrund: Energie (sowohl Strom als auch Gas) wird an Börsen gehandelt. „Es gibt einen Spotmarkt, auf dem Energieversorger wie auch die SWE Energie GmbH kurzfristig einkaufen. Diesen Markt braucht man, um Energie nach Bedarf zu kaufen oder auch zu verkaufen – niemand weiß ja im Vorhinein, wieviel Energie wirklich verbraucht wird.“ Und dann gibt es noch einen Terminmarkt: „Hier wird langfristig und in erheblich größeren Mengen eingekauft. Ein kluger und vorausschauender Einkauf kann im Idealfall langfristig Preisstabilität erzeugen.“ An der Börse wird der nackte Preis für die Energie gezahlt, darauf kommen noch verschiedene Abgaben wie zum Beispiel Energiesteuern oder Bilanzierungsentgelte.

Die sogenannten Energiediscounter, die aufgrund der Lage am Energiemarkt reihenweise Pleiten hinlegten, hatten sich in der Vergangenheit auf der Suche nach Billigpreisen überwiegend  aus dem Spotmarkt bedient. Das ging jahrelang gut, bis die Preise explodierten und so mancher Discounter seine Kunden im Stich ließ.

„Das Problem ist, dass Strom und Gas keine Güter sind, die einer kurz- und mittelfristigen Preiselastizität unterliegen. Wird Energie knapp und teuer, kann man nicht mal eben Kraftwerke bauen oder die Fördermengen kurzfristig erhöhen“, sagt Schweng. Je mehr Nachfrage oder je weniger Energie auf dem Markt ist, desto teurer wird das Ganze. Vor allem, wenn politische Unsicherheiten dazu kommen.
Erfurter Privatkunden, die langfristige Verträge mit der SWE Energie GmbH besitzen, kommen mit einem (dicken) blauen Auge davon: Sie profitieren davon, dass der Stromversorger einen Großteil der Energie VOR der Krise auf den Terminmärkten eingekauft hatte – als Strom und Gas noch (relativ) günstig waren. „Bei Privatkunden setzt die SWE schon immer auf langfristige Verträge, bei denen man die Preise anpassen kann – sowohl nach oben und nach unten. Weil wir im Voraus einkaufen, ist der aktuelle Preis eine Mischkalkulation aus günstigeren und teureren Jahren.“ Und das dämpft den Anstieg.
Schweng: „Wir haben für 2023 Gas und Strom für alle unseren jetzigen Kunden eingekauft.“ Allerdings: Zukäufe, die zum Beispiel dann nötig werden, wenn der Winter besonders hart wird, könnten die Preise dann erneut nach oben treiben. Eine besondere Herausforderung sind die Erfurter Haushalte, die Verträge bei anderen Versorgern hatten und denen gekündigt wurde: „Diesen Kunden können wir unsere Produkte gar nicht anbieten, wir haben ja die Energie nicht auf Halde“, sagt Karel Schweng, „wir müssen auf dem Spotmarkt teuer einkaufen.“ Dennoch muss die SWE Energie GmbH diese Haushalte mit Energie versorgen, „doch die rutschen in die teurere Ersatz- und Grundversorgung.“ Je mehr da reinfallen, desto mehr steigen hier die Preise.

Gewerbe und Handel stehen vor noch größeren Problemen. Kleine und mittlere Unternehmen schreiben ihren Strombedarf jedes Jahr aufs Neue aus – und viele Verträge laufen zurzeit aus. „Sie alle werden mit den aktuellen Schockpreisen konfrontiert“, sagt Karel Schweng. So manche Firma, die plötzlich das Zehnfache zahlen muss, wird die Situation nicht ohne staatliche Hilfe meistern können, befürchtet der Energie-Chef.

Die Fernwärme, die aus Gas produziert wird, hat andere Regeln – hier gelten sogenannte Preisgleitklauseln, die kurzfristig an den Markt angebunden sind. Das ging jahrelang gut. Jetzt, explodieren die Preise und das spüren das auch die Kunden. Schweng: „Allerdings erst mit der Betriebskostenabrechnung im darauffolgenden Jahr.“ Wichtig sei es, Geld für die Abrechnung zurückzulegen. Im Moment sind das monatlich ca. ein Euro pro Quadratmeter Wohnfläche, 2023 könnte noch einmal ein Euro oben drauf kommen. 

Karel Schweng: „Die Lage ist außerordentlich ernst, ohne Frage. Aber irgendwann wird sich hoffentlich die Situation auf den Märkten entspannen, auch wenn Energie nie mehr so günstig sein wird, wie vor der Krise.“